AWO Beratungsstelle Magdalena erinnert an Welthurentag

, Magdeburg

Der alljährlich am 2. Juni begangene Welthurentag steht für den Kampf gegen Diskriminierung und Stigmatisierung von Sexarbeiter*innen in Deutschland, Europa und auf der ganzen Welt.

Gedanken aus der Perspektive der Sexarbeiter*innen

Nein zum Stigma – Nein zu Bevormundung von Sexarbeiter*innen! Unter dem Vorzeichen des Welthurentages wurden zahlreiche Sexarbeiter*innen während der Aufsuchenden Arbeit in den Prostitutionsstätten zu Ihren Wünschen und Ängsten für die Zukunft befragt. Das Ergebnis ist eine Vielzahl an Zitaten und Gedanken aus der Perspektive der Sexarbeiter*innen – dabei wurden fünf Zitate ausgewählt, die die aktuelle Situation von Sexarbeiter*innen im Land Sachsen-Anhalt sinnbildlich beschreiben. Die dazugehörigen Statements der AWO Beratungsstelle MAGDALENA - Mobile Beratung für Sexarbeiter*innen unterstreichen die Aussagen der Sexarbeiter*innen und verdeutlichen, die noch immer besorgniserregende Lage der Sexarbeit im Land Sachsen-Anhalt unter den Maßnahmen der Covid-19 Pandemie.

„Es nervt total, nicht arbeiten zu dürfen!“ – Sexarbeiterin in Sangerhausen, Februar 2021
1. „Es nervt total, nicht arbeiten zu dürfen!“ – Sexarbeiterin in Sangerhausen, Februar 2021

Eine Sexarbeiterin beklagt die Schließung der Prostitutionsstätten im Rahmen der Maßnahmen zur Eindämmung der Covid-19 Pandemie. Denn seit dem 18.03.2020 waren Prostitutionsstätten in Sachsen-Anhalt – fast ununterbrochen geschlossen. Während einige körpernahe Dienstleister*innen wie Friseur*innen oder Kosmetiker*innen, unter Auflagen Einkommen beziehen konnten, blieb für Sexarbeiter*innen die Arbeit untersagt. Erst seit der vergangenen Woche dürfen Prostitutionsstätten in den einigen Landkreisen, wie Anhalt-Bitterfeld, Salzlandkreis und Jerichower Land sowie den kreisfreien Städten Magdeburg und Halle/Saale unter Einhaltung von Hygieneregeln wieder öffnen. Dies hat ökonomische und soziale Folgen für Sexarbeiter*innen. Sexarbeiter*innen verloren damit ihre Lebensgrundlage. Bis heute verzeichnen sie erhebliche Einkommensverluste bei gleichbleibenden Ausgaben, für Wohnung und Lebensunterhalt – ohne Perspektive einer Öffnungsstrategie seitens der Regierung. Aus dem Beratungsalltag wissen die Mitarbeiterinnen der Beratungsstelle Magdalena um die teils schwierige Lage einiger Sexarbeiter*innen. Der Zugang zu Soforthilfeprogrammen oder Sozialleistungen ist für viele Sexarbeiter*innen erschwert. Die Gründe dafür sind häufig steuer-, melde- oder aufenthaltsrechtliche Hürden. Insbesondere Migrant*innen, Geflüchtete, trans*idente Personen und Drogen gebrauchende Menschen sind besonders betroffen. Einige von Ihnen haben keine Rücklagen, um für längere Zeiträume Miete, Kranken- und Rentenversicherung zu zahlen oder Nahrungsmittel zu kaufen und laufen Gefahr sich in neue soziale Abhängigkeiten zu begeben.

„Die ganze Zeit zu Hause ist anstrengend. Da fällt einem die Decke auf den Kopf!“ – Sexarbeiterin in Lutherstadt Eisleben, April 2021
2. „Die ganze Zeit zu Hause ist anstrengend. Da fällt einem die Decke auf den Kopf!“ – Sexarbeiterin in Lutherstadt Eisleben, April 2021

Eine Sexarbeiterin erläutert im Gespräch, dass sie ihre sozialen Kontakte vermisst und ihr ohne Arbeit die tägliche Struktur und Beschäftigung fehlt. Die soziale Isolation auch in Form erschwerter Zugänge zu Beratungsstellen ist unter dem Vorzeichen der Covid-19 Pandemie ein zentrales Problem. Aus der Beratungserfahrung des vergangenen Jahres wurde deutlich, wie schwer Sexarbeiter*innen für soziale Organisationen erreichbar werden, wenn bspw. die aufsuchende Arbeit vor Ort aufgrund der Schließung der Prostitutionsstätten nur eingeschränkt möglich ist, einige Sexarbeiter*innen dadurch in die Unsichtbarkeit geraten und kurze Wege und einfache Zugänge zur Beratung wegbrechen.

Auch die berufliche Umorientierung ist keine leicht getroffene Entscheidung. So ein Lebenswandel ist ein langwieriger komplexer Prozess, der viel Zeit, Geld und Mut erfordert, um sich unermüdlich den vielen gesetzlichen und sozialen Hürden entgegen zu stemmen sowie den Umbruch des sozialen Systems und der gewohnten Strukturen zu akzeptieren. Auch hier sind Faktoren wie Wohnsitz, Schulden- oder Aufenthaltsstatus wesentliche Erfolgsmarker der sozialen Absicherung, die häufig zur Überbrückung der beruflichen Umorientierung nötig wird. Hinzu kommen generelle Hürden auf dem Arbeitsmarkt: fehlende Möglichkeiten für Aus-, Fort-und Weiterbildung sowie mangelhafte berufliche Perspektiven fern des Niedriglohnsektors, aufgrund beispielsweise der fehlenden Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse.

„Als Deutsche kann ich mich sprachlich wehren. Viele Ausländerinnen können das nicht!“ – Sexarbeiterin in Aschersleben, März 2021
3. „Als Deutsche kann ich mich sprachlich wehren. Viele Ausländerinnen können das nicht!“ – Sexarbeiterin in Aschersleben, März 2021

Ein*e Sexarbeiter*in berichtet über prekäre Lebenslagen, Barrieren und Schwierigkeiten, die besonders Sexarbeiter*innen mit Migrationshintergrund betreffen. Zur fehlenden sozialen Sicherheit (Kranken-, Unfall- und Pflegeversicherung, Grundsicherung oder Steueridentifikation etc.) kommen Sprachbarrieren und Unkenntnis von Vor-Ort-Strukturen (z. B. Regelungen, Standardpreise) hinzu.

Sie laufen durch diese Hürden Gefahr, Kund*innen beim Erstkontakt weniger gut einschätzen zu können und Verhandlungen über Preis und Angebot tendenziell weniger zu ihren Gunsten abzuschließen. Manche Sexarbeiter*innen mit Migrationshintergrund erleben Benachteiligung bei der Inanspruchnahme von Sozialleistungen, zum Beispiel da Behörden mit den komplexen Rechtslagen (Aufenthaltsgesetz, Gewerbe- und Steuerregularien, etc.) nicht vertraut sind. Auch das Anmieten einer Wohnung kann für Sexarbeiter*innen mit unsicherem Aufenthaltstitel oder Meldestatus erschwert sein, da diese für das Ausstellen eines Mietvertrags in aller Regel benötigt werden. Dadurch könnten sie zum Teil tendenziell schneller in wirtschaftliche und soziale Abhängigkeiten geraten, die eine hohe Vulnerabilität für Gewalt und Ausbeutung zur Folge haben.

„Wann können wir endlich wieder arbeiten? Wie kann ich sonst überleben?“ – Sexarbeiterin in Sangerhausen, Januar 2021
„Wann können wir endlich wieder arbeiten? Wie kann ich sonst überleben?“ – Sexarbeiterin in Sangerhausen, Januar 2021

Eine Sexarbeiterin berichtet über ihre Sorgen durch die Schließung der Prostitutionsstätten während der Zeit der Covid-19 Pandemie und beklagt den spärlichen Zugang zu Soforthilfen und Überbrückungsgeldern.

Der Bund unterstützt Unternehmen und Selbstständige bei pandemiebedingten Umsatzausfällen. Jedoch werden mit der Überbrückungshilfe (auch Härtefallfonds etc.) lediglich betriebliche Fixkosten bezuschusst. Viele Sexarbeiter*innen, die als Kleinunternehmer*innen arbeiten und keine betrieblichen Fixkosten melden können, werden hierbei nicht berücksichtigt. Die staatlichen Hilfen erreichen folglich diejenigen am wenigsten, die mit am stärksten von den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie betroffen sind.

Manche begeben sich aus der Not heraus in gefährliche Abhängigkeiten zu Dritten oder gehen unkalkulierbare Risiken bei der Existenzsicherung ein. Sollten sie dann in Not geraten, kann die Gefahr von Abschiebungen, Bußgeldern oder Zwangsoutings im Einzelfall dazu führen, dass Sexarbeiter*innen in Notsituationen Angst davor haben, sich Hilfe von Polizei und Ordnungsstrukturen zu holen und abermals mit ihren Sorgen und Nöten allein gelassen werden.

„Ich hatte Glück, dass ich schon geimpft bin – im Gegensatz zu Anderen ohne Versicherung oder Papiere“ – Sexarbeiterin in Halle, Mai 2021
„Ich hatte Glück, dass ich schon geimpft bin – im Gegensatz zu Anderen ohne Versicherung oder Papiere“ – Sexarbeiterin in Halle, Mai 2021

Eine Sexarbeiterin berichtet über fehlende Impfzugänge für illegalisiert lebende Sexarbeiter*innen ohne Krankenversicherung. Grundsätzlich gilt, dass die Impfung unabhängig von ihrem Versicherungsstatus kostenlos ist. Tatsächlich haben die Personen Anspruch auf eine Covid-19 Impfung, die nach § 1 Satz 2 Nr. 1 CoronaImpfV vom 31.03.2021 ihren Wohnsitz oder gewöhnlichen Aufenthaltsort in der Bundesrepublik Deutschland nachweisen können. Voraussetzung ist ein Personal- oder ein anderer Lichtbildausweis. Nach § 4 Nr. 9 CoronaImpfV fallen sonstige Personen, bei denen aufgrund ihrer Arbeits- oder Lebensumstände ein deutlich erhöhtes Risiko einer Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 besteht, in die dritte Kategorie mit erhöhter Impfpriorität. Zu dieser Gruppe könnten Sexarbeiter*innen gezählt werden, jedoch bleibt fraglich, wie nicht gemeldete Sexarbeiter*innen einen Impftermin erhalten können und wie eine Dokumentation der Impfung gewährleistet werden kann, die gleichzeitig den Schutz der Identität und die Geheimhaltung (Problem des Zwangsoutings) persönlicher Daten wahrt.

Sexarbeit ist soziale Realität

Sexarbeit ist soziale Realität und dennoch haben viele Sexarbeiter*innen in unserer Gesellschaft eine stark marginalisierte Stellung inne. Sie werden aufgrund ihrer Tätigkeit moralisch verurteilt, von vielen Menschen pauschal abgelehnt und sozial ausgegrenzt, was dazu führt, dass ihre Stimmen nicht wahrgenommen und angehört, ihre Probleme nicht ernst genommen und ihre Wünsche und Ängste nicht berücksichtigt werden.

Die AWO Beratungsstelle Magdalena versteht sich als Sprachrohr für die Stimmen von Sexarbeiter*innen und möchte ihre Gedanken öffentlich sichtbar machen. Sexarbeiter*innen haben ein allgemeingültiges Recht auf eine freie Berufswahl sowie ein Recht auf ein allen anderen Menschen gleichgestelltes Leben. Die AWO Beratungsstelle Magdalena unterstützt Sexarbeiter*innen im Kampf um die Einhaltung Ihrer Grundrechte und der Inanspruchnahme von Leistungen der sozialen Sicherung.

Die AWO Beratungsstelle Magdalena ist das einzige Beratungsangebot nach ProstSchG-AG LSA § 6 vom 14.03.2019 und wird vom Ministerium für Arbeit, Soziales und Integration des Landes Sachsen-Anhalt gefördert.

Grundstein des Welthurentags sind die Proteste rund um den 2. Juni 1975

Zu dieser Zeit gingen die französischen Strafverfolgungsbehörden vehement und gewaltsam gegen Sexarbeiter*innen vor, sodass diese gezwungen waren, ihre Arbeit im Verborgenen zu entrichten. Durch die fehlende Sichtbarkeit und Öffentlichkeit in der Gesellschaft kam es vermehrt zu Gewalttaten gegen Sexarbeiter*innen. Nach zwei Mordfällen und der fehlenden Bereitschaft der Regierung, die Situation der Prostituierten zu verbessern, besetzten Sexarbeiterinnen in Lyon schließlich eine der örtlichen Kirchen – die Saint-Nizier in der Rue de Brest – und traten in den Streik, um auf ihre menschenunwürdige Situation aufmerksam zu machen. Nach acht Tagen wurde die Kirche polizeilich geräumt. Mit diesem Protest erregten die Sexarbeiter*innen weltweit Aufsehen. In vielen anderen Ländern kam es zu Sympathiebekundungen auch außerhalb des Milieus. Diese Protestaktion gilt nun mehr als Startpunkt der Hurenbewegung und wird seit 1976 jährlich am 2. Juni als Welttag der Huren gefeiert. Im Jahr 2001 erhielt der rote Regenschirm den Status als Symbol des Widerstandes gegen Unterdrückung und Diskriminierung von Sexarbeiter*innen.

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