Geplante neue Versetzungsordnung gefährdet Chancengleichheit von jungen Menschen

, Magdeburg

Der AWO Landesverband Sachsen-Anhalt e.V. kritisiert in einem offenen Brief an Bildungsminister Marco Tullner die geplante Verschärfung der Versetzungsordnung.

Geplante Änderungen in der Versetzungsordnung gefährden Chancengleichheit von jungen Menschen in Sachsen-Anhalt

Offnener Brief des AWO Landesverbandes Sachsen-Anhalt e. V.


Sehr geehrter Herr Minister Tullner,

die Arbeiterwohlfahrt in Sachsen-Anhalt versteht sich als Interessenvertretung ihrer Mitglieder und darüber hinaus ganz besonders der Menschen, die selbst nicht zu Wort kommen. In dieser sozialanwaltschaftlichen Funktion möchten wir für die Chancengleichheit der Kinder und jungen Menschen in unserem Land eintreten.

Nach Artikel 7 Abs. 1 des Grundgesetzes trägt der Staat die Gesamtverantwortung für die Bildung. Der Staat hat die wichtige Aufgabe, Rahmenbedingungen für ein gutes, für alle Kinder erfolgversprechendes Lernen bereitzustellen. Jeder junge Mensch hat dabei unabhängig von seiner Herkunft und wirtschaftlichen Lage das Recht auf eine seine Begabung und Fähigkeiten fördernde Ausbildung.

Die Gemeinschaftsschule, in der alle Bildungswege so lange wie möglich offenbleiben, ist hierfür ein guter Ansatz. Eine frühe Selektion steht der Chancengleichheit im Bildungssystem enorm entgegen. Je länger Kinder und Jugendliche zusammen lernen, desto besser wirkt sich das auf ihren Lernerfolg aus.

In Sachsen-Anhalt verläuft der Prozess zu mehr Gemeinschaftsschule nur schleppend. Der Bildungserfolg eines jeden Kindes ist in unserem Bundesland weiterhin stark vom Elternhaus abhängig.

Erschwerend zu dieser zögerlichen Entwicklung zur Gemeinschaftsschule wirkt sich für die Kinder und Jugendlichen in Sachsen-Anhalt die schulpolitische Fehlplanung der letzten Jahre aus: Sachsen-Anhalt stehen schon jetzt und in den nächsten Jahren zu wenig Lehrer*innen zur Verfügung. Schon mit dem Beginn des letzten Schuljahres fehlten an Sachsen-Anhalts Schulen etwa 500 Lehrkräfte. Im März dieses Jahres folgte die Nachricht, die Lehrerausbildung in Sachsen-Anhalt könne das in Zukunft zu erwartende Loch nicht stopfen.

Schwer wiegt hierbei auch die Tatsache, dass gerade an Haupt- und Realschulen der größte Mangel an Lehrer*innen herrscht.
Kurzum: die Kinder und Jugendlichen in Sachsen-Anhalt finden nicht die besten Rahmenbedingungen für ihre schulische Bildung vor - an Haupt- und Realschulen in besonderem Maße. Diese sind jedoch entscheidend für ihren gesamten weiteren Lebensweg.

In dieser fatalen Gemengelage führt die geplante Verschärfung der Versetzungsordnung zu einer weiteren Bildungshürde für junge Menschen. Mit sofortiger Wirkung soll der Zugang zur Realschule nun schon am Ende der 6. Klasse nur mit einer weitaus besseren Gesamtleistung erreicht werden.
Sehr geehrter Herr Minister Tullner, als Arbeiterwohlfahrt in Sachsen-Anhalt können wir diese Entscheidung in keiner Weise nachvollziehen und befinden es im Gegensatz für notwendig, die strukturellen Fehlentwicklungen zu beheben, bevor Sie das Anrecht auf bestmögliche Förderung und Bildung der jungen Menschen mit weiteren Hürden versehen. Wir fordern Sie deshalb auf, die geplante Änderung nicht weiter zu verfolgen.

Unabhängig von der Corona-Pandemie, die mit vermindertem Lernmöglichkeiten, Distanzlernen, unvorbereitetem digitalen Lernen die Spaltung der Schülerschaft vorangetrieben und den Lernerfolg der letzten Monate stark von der Herkunft abhängig gemacht hat, darf es nicht ausgerechnet noch das staatliche Schulsystem sein, das diese Spaltung noch befeuert.

Sehr geehrter Herr Minister Tullner, wir möchten gemeinsam mit Ihnen für ein Schulsystem kämpfen, dass soziale Spaltungen auszugleichen versteht und in dem jede*r Schüler*in unabhängig von ihrer*seiner Herkunft eine faire Chance auf einen bestmöglichen Schulabschluss hat. Uns ist bewusst, dass dies eine Mammutaufgabe ist, die für eine erfolgreiche Umsetzung auch andere gesellschaftliche und politische Akteure benötigt.

Wir laden Sie ein, mit uns über das Thema Schule zur Erreichung von Chancengleichheit für alle Kinder und Jugendlichen zu sprechen.

Mit freundlichen Grüßen

Steffi Schünemann
Vorständin Verband und Sozialpolitik

» Zur Positionierung Kinder- und Jugendarmut des AWO Landesverbandes Sachsen-Anhalt e. V.

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