Was hat Sexarbeit mit Frauenrechten zu tun?

Magdeburg,

Die Beratungsstelle Magdalena des AWO Landesverbandes Sachsen-Anhalt fordert anlässlich des Internationalen Frauentags am 8. März mehr Rechtssicherheit für Sexarbeiter*innen.

 

„Only rights can stop the wrongs – Rechte garantieren, Gefahren verhindern“

Unter dem Motto „Only rights can stop the wrongs – Rechte garantieren, Gefahren verhindern“ möchte die Beratungsstelle Magdalena des AWO Landesverbands Sachsen-Anhalt e. V. zum Internationalen Frauentag auf die vielfältigen Lebenslagen und auf die schwierigen rechtlichen Situationen von Sexarbeiter*innen hinweisen.

"Schätzungen aus der Praxis zeigen, dass bundesweit knapp neun von zehn Sexarbeiter*innen Frauen oder Transfrauen sind. Doch im öffentlichen Diskurs um Frauenrechte werden Sexarbeiter*innen oftmals nicht benannt oder nur unter Bezugnahme auf das Thema Ausbeutung und Zwangsprostitution erwähnt. In der Sexarbeit tätige Frauen und Transfrauen haben neben den allgemeingültigen Grundrechten, ein Recht auf freie Wahl der Erwerbstätigkeit, das Recht auf medizinische Grundversorgung und das Recht auf ein diskriminierungsfreies allen anderen Menschen gleichgestelltes Leben. In der Realität werden ihnen diese Rechte häufig nicht gewährt, denn neben zahlreichen Gefahrenpotenzialen, ist die Stigmatisierung aufgrund ihrer Berufswahl ein Risikoszenario, was fast alle Frauen in der Sexarbeit betrifft. Frauen haben ein Recht auf eine freie Berufswahl. Der Begriff der Freiwilligkeit darf natürlich auch im Hinblick auf wirtschaftliche Zwänge diskutiert werden. Frauen mit Migrationshintergrund sind aufgrund ihrer häufig unsicheren befristeten Aufenthaltsgestattung dabei besonders verletzlich und gefährdet. Dennoch müssen die Unterschiedlichkeit der Lebenslagen, der Lebenswelten und der damit verbundenen Entscheidungen grundsätzlich berücksichtigt werden. Es geht um Selbstbestimmung und damit um den Respekt vor Entscheidungen, die Frauen angesichts stark reduzierter Optionen treffen. Wir als Beratungsstelle, die akzeptierend und parteilich für Sexarbeiter*innen tätig ist, fordern mehr Rechtssicherheit in der Erwerbstätigkeit für Sexarbeiter*innen. Denn die Stärkung von Rechten führt erfahrungsgemäß zu mehr Schutz vor Gewalt, zu mehr Prävention und guter gesundheitlicher Versorgung sowie zum Abbau von gesellschaftlicher Stigmatisierung.

Denn die Gefahr auf den Beruf reduziert, die Rechte abgesprochen und damit entmenschlicht zu werden, ist für Sexarbeiter*innen besonders hoch. Ein Blick aus der Praxis zeigt, Sexarbeiter*innen sind Versorger*innen, Ehefrauen und Freundinnen; sie sind Mütter, sie pflegen Angehörige, manche haben einen Migrationshintergrund, einige arbeiten zur Existenzsicherung noch in anderen Branchen, sie sind politisch und haben vielseitige Interessen. Doch wenn diese Frauen sich zur Prostitution bekennen oder durch bestimmte Umstände geoutet werden, verlieren viele ihre Jobs, die Kinder werden ihnen weggenommen oder sie verlieren ihre Wohnung – da gibt es keine Rechtssicherheit. Zusätzlich gibt es Probleme bei der Wohnungssuche, unfaire Bezahlung oder generelle Benachteiligungen im Bewerbungsprozess sowie besonders die Angst davor, dass Familien und Freunde sich abwenden, um nur einige wenige Gefährdungen zu nennen. Frauen in der Sexarbeit müssen im Rahmen geltender Gesetze über die Gestaltung ihres Lebens selbst entscheiden können und dürfen - frei von Stigmatisierung anderer, auch anderer Frauen. Dies muss besonders für Entscheidungen gelten, die für Dritte nur schwer oder gar nicht nachvollziehbar sind, beispielsweise wenn Frauen sich entscheiden, als Sexarbeiter*in zu arbeiten. Sie müssen erwarten können, dass dies akzeptiert und respektiert wird. Ihnen grundsätzlich zu unterstellen, sie könnten diese Entscheidung nicht freiwillig getroffen haben oder sie als Opfer zu stigmatisieren, widerspricht der Forderung nach einem Selbstbestimmungsrecht für alle Frauen.

Wir möchten daher besonders im Kampf um Frauenrechte dafür appellieren, die Stimmen von Sexarbeiter*innen bei den Demonstrationen, den Feierlichkeiten, den Fernsehbeiträgen und den Podiumsdiskussionen zum Internationalen Frauentag anzuhören und wertzuschätzen, sodass nicht über sie gesprochen wird, sondern ihre Gedanken, Wünsche und Forderungen zu Wort kommen. Diesem Anspruch verpflichtet sich die Beratungsstelle Magdalena in ihrer täglichen Arbeit. Sexarbeiter*innen und damit Frauen in allen Lebenslagen zu unterstützen und zu begleiten sowie ihre Rechte in Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit zu stärken, für die gleichberechtigte Teilhabe der Geschlechter an allen gesellschaftlichen Bereichen zu streiten und für die Anerkennung und Akzeptanz der Vielfalt der Lebensformen einzutreten."

 

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