Zum Tag der Pflege: Es ist Zeit für echte und gerechte Reformen

, Magdeburg

Pflege sichert Würde und Selbstbestimmung. Gerade deshalb muss der Tag der Pflege am 12. Mai ein politischer Weckruf sein, um endlich die Rahmenbedingungen zu verbessern.

Pflege sichert Würde und Selbstbestimmung. Gerade deshalb muss der Tag der Pflege am 12. Mai ein politischer Weckruf sein, um endlich die Rahmenbedingungen zu verbessern.

Die Pflege ist eine Armutsfalle: Anfang 2026 lagen die Eigenanteile für Pflegeheimbewohner*innen im ersten Jahr bundesweit bei über 3.200 Euro, in Sachsen-Anhalt bei rund 2.700 Euro – bei einer Durchschnittsrente von nur etwa 1.340 Euro.

Besonders in Sachsen‑Anhalt sind steigende Eigenanteile ein sozialpolitischer Offenbarungseid. Hier lebt mit 48,3 Jahren die älteste Bevölkerung Deutschlands, gleichzeitig steigt laut Statistischem Landesamt die Zahl der Pflegebedürftigen: bis 2040 voraussichtlich auf 220.200 – in etwa 12 Prozent der Bevölkerung. Im Jahr 2023 lag die Zahl bei 204.200 Pflegebedürftigen – in etwa 10 Prozent der Bevölkerung.

Steigende Eigenanteile treiben Menschen mit niedrigen Renten direkt in die Sozialhilfe – absehbar, massenhaft und vermeidbar. Die Kosten verschwinden nicht, sie werden lediglich auf Kommunen und Länder mit ohnehin klammen Haushalten abgewälzt. „Pflegebedürftige werden bewusst in Armut und Sozialhilfe gedrängt“, kritisiert Barbara Höckmann, Vorsitzende des Präsidiums der AWO Sachsen-Anhalt. „Die Lösungen für das Problem sind bekannt und sollten endlich von der Politik aufgriffen werden. Die Politik der sozialen Kälte muss beendet werden“, appelliert Höckmann.

Eine grundlegende Reform ist dringend notwendig. Es braucht eine solidarisch finanzierte Pflegevollversicherung, in die alle Bürger einzahlen. Auch Beamte oder Selbstständige mit privater Pflegepflichtversicherung sowie Gutverdienende über der Versicherungspflichtgrenze. Die Pflegevollversicherung würde alle Kosten decken, die direkt durch die Pflege entstehen – egal ob ambulant, zu Hause oder stationär im Heim. Aktuell sind Eigenanteile auch deswegen hoch, weil die gesetzliche Pflegeversicherung nur einen Teil der Kosten deckt.

Mit einer Pflegevollversicherung läge der Eigenanteil in der stationären Pflege in Sachsen-Anhalt bei 1.158 Euro. Übernimmt das Land zusätzlich die Investitionskosten (335 Euro), sinkt er auf 823 Euro. Das ist eine Summe, die mit einer Durchschnittsrente tragbar ist. Pflegevollversicherung schützt vor Armut, spart Sozialhilfe und entlastet Kommunen. Soziale Vorsorge ist günstiger, gerechter und nachhaltiger als spätes, teures Krisenmanagement. Die solidarische Pflegevollversicherung wird von der Mehrheit der Bevölkerung getragen. In einer repräsentativen Forsa-Umfrage sprachen sich im Oktober 2025 65 Prozent dafür aus.

Genau jetzt ist die Zeit für echte und gerechte Reformen.

Und so sieht die Arbeit in der Pflege vor Ort aus:

Kati Völkel weiß, was sie an ihren Mitarbeiter*innen hat. Die Mitarbeiter*innen, die seit Jahren und Jahrzehnten mit Herzblut in der Pflege arbeiten. Im AWO-Pflegeheim „Am Rosengarten“ und in der Sozialstation in Sangerhausen verspürt Kati Völkel als Einrichtungsleiterin und Geschäftsführerin vor allem Stolz: „Wir haben ein tolles Personal, das seit vielen Jahren bei uns arbeitet, manche bereits seit drei Jahrzehnten“, sagt sie. Dazu sorgen seit einiger Zeit auch Mitarbeitende aus Bosnien, Indien, Ukraine, Vietnam oder Tunesien für ein internationales Flair in einem Team, das sich gegenseitig stärkt. Der Zusammenhalt ist groß.

Aber natürlich kennt Völkel die aktuellen Herausforderungen in der Pflege. Einstufungen in die Pflegegrade 1, 2 und 3 sollen erschwert werden. Für Völkel ein Unding. „Ich sehe das mit Schrecken“, sagt sie. Weniger Pflegebedürftige bekommen Leistungen, die Kosten steigen. „Das ist nicht akzeptabel.“ Völkel plädiert für eine realistische Einschätzung.

Und Völkel sieht freilich auch die finanziellen Belastungen für die Bewohner*innen. Ein Fünftel der Heimbewohner*innen bekommt in Sangerhausen derzeit Sozialhilfe, weil der Eigenanteil für den Heimplatz nicht reicht. In Sachsen-Anhalt liegt der Eigenanteil bei rund 2.700 Euro – bei einer Durchschnittsrente von nur etwa 1.340 Euro. Auch in Sangerhausen steigt die Zahl der Sozialhilfe-Empfänger*innen. „In den nächsten Jahren wird die Zahl explodieren“, befürchtet Völkel. „Und am Ende muss der Landkreis zahlen.“ Weil der Landkreis als Kommune diese Sozialleistungen auszahlt.

Generell spart Völkel nicht mit ihrer Kritik. Zu viel Kontrolle durch Behörden, zu viel Bürokratie gebe es. „In Corona-Zeiten wurden wir beklatscht, das ist jetzt vergessen“, sagt Völkel.

Die Motivation für die Arbeit in der Pflege entsteht vor allem durch die Menschen, die begleitet werden. In ihren Blicken, in kleinen Gesten und leisen Worten zeigt sich Vertrauen. Daraus wird Dankbarkeit. Das ist das Gefühl, das alles trägt. Jeden Tag aufs Neue. Trotz aller Herausforderungen.

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