Seit August 2016 bietet die AWO Beratungsstelle Magdalena – Mobile Beratung für Sexarbeiter*innen in Trägerschaft des AWO Landesverbandes Sachsen-Anhalt e. V. kostenfreie, unabhängige und anonyme Beratung und Unterstützung für Sexarbeiter*innen in Sachsen-Anhalt an.
Zehn Jahre Beratungsstelle Magdalena sind ein besonderer Anlass, zurückzublicken: auf die Entwicklung der Beratungsstelle, auf Erfahrungen aus einem Jahrzehnt Beratung und Begleitung und auf die Veränderungen in den Lebens- und Arbeitswelten von Sexarbeiter*innen.
Zugleich ist ein Jubiläum immer auch ein Moment, nach vorn zu schauen: Welche Herausforderungen prägen Sexarbeit heute? Was brauchen Sexarbeiter*innen von Beratung, Politik, Verwaltung und Gesellschaft? Und wie können Unterstützungsangebote auch künftig bedarfsgerecht, zugänglich und nah an den tatsächlichen Lebensrealitäten gestaltet werden?
Diesen Fragen widmete sich am 2. September 2026 das Dialogforum „Lebenswelten und Perspektiven in der Sexarbeit – Rückblick, Gegenwart und Ausblick“ in den Räumlichkeiten des AWO Landesverbandes Sachsen-Anhalt e. V. in Magdeburg.
Von der festen Anlaufstelle zur mobilen Beratung
Als die Beratungsstelle Magdalena im Jahr 2016 ihre Arbeit aufnahm, begann sie mit einem Café in der Friesenstraße in Magdeburg. Das Café sollte einen niedrigschwellig zugänglichen geschützten Ort bieten, an dem Sexarbeiter*innen unkompliziert Beratung, Informationen und Unterstützung erhalten und miteinander in Kontakt kommen konnten.
Mit der täglichen Arbeit wurde jedoch schnell deutlich, dass die Lebens- und Arbeitsrealitäten von Sexarbeiter*innen in Sachsen-Anhalt besondere Anforderungen an die Beratung stellen. Viele Sexarbeiterinnen sind mobil, wechseln ihre Arbeitsorte und sind in unterschiedlichen Städten und Regionen tätig. Damit zeigte sich: Ein ausschließlich stationäres Angebot kann viele Sexarbeiter*innen nicht dort erreichen, wo sie tatsächlich leben und arbeiten. Die Beratungsstelle entwickelte ihr Konzept deshalb konsequent weiter. Aus dem festen Café wurde eine mobile und aufsuchende Beratungsstelle.
Heute ist die aufsuchende Arbeit ein zentraler Bestandteil von Magdalena. Die Mitarbeiterinnen sind in unterschiedlichen Regionen Sachsen-Anhalts unterwegs und suchen Sexarbeiter*innen direkt an ihren Arbeitsorten auf. Beratung, Information und Unterstützung kommen damit dorthin, wo sie gebraucht werden. Diese Entwicklung steht bis heute beispielhaft für einen grundlegenden Anspruch der Beratungsstelle: Beratung muss sich an den Lebensrealitäten der Menschen orientieren – nicht die Menschen an den Strukturen der Beratung.
In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Beratungsstelle Magdalena kontinuierlich weiterentwickelt. Das Beratungsangebot umfasst heute vielfältige Themen und orientiert sich an den individuellen Anliegen, Lebenssituationen und Entscheidungen der Ratsuchenden.
Die Beratung umfasst unter anderem folgende Themenbereiche:
Die Beratungen sind kostenfrei, unabhängig und anonym. Bei sprachlichen Barrieren können Dolmetscher*innen und Sprachmittler*innen zugezogen werden, sodass bei Bedarf auch eine muttersprachliche Beratung ermöglicht werden kann.
Dabei geht es nicht darum, Lebensentscheidungen vorzugeben oder zu bewerten. Im Mittelpunkt stehen die Anliegen der Ratsuchenden selbst – ihre Fragen, ihre Entscheidungen, ihre Rechte und ihre individuellen Perspektiven.
Neben der direkten Beratung ist auch die Vernetzung mit anderen Fachstellen, Behörden, Gesundheitsdiensten, Selbstvertretungen und weiteren Akteur*innen zu einem wichtigen Bestandteil der Arbeit geworden.
Denn gute Unterstützung braucht Wissen, Kooperation und Strukturen, die Menschen nicht zusätzlich vor Hürden stellen.
Das Dialogforum: Rückblick, Gegenwart und Ausblick
Das Dialogforum brachte unterschiedliche Perspektiven auf Sexarbeit miteinander ins Gespräch. Eingeladen waren unter anderem Sexarbeiter*innen, Fachkräfte, Mitarbeitende von Ämtern und Behörden, Gleichstellungsbeauftragte, Vertreter*innen aus Politik sowie weitere Interessierte.
Im Mittelpunkt standen die Geschichte der Sexarbeit und ihrer Selbstorganisation, gesetzliche Rahmenbedingungen, aktuelle Entwicklungen und die Frage, wie Beratung und Unterstützung auch zukünftig fachlich fundiert und bedarfsgerecht gestaltet werden können.
Zu Beginn des Dialogforums wurde gemeinsam auf die vergangenen zehn Jahre der Beratungsstelle zurückgeblickt.
Steffi Schünemann, Vorständin des AWO Landesverbandes Sachsen-Anhalt e. V., sowie die Mitarbeiterinnen der Beratungsstelle Magdalena gaben Einblicke in die Entstehung, Entwicklung und Arbeit der vergangenen zehn Jahre.
Dabei wurde sichtbar, wie sich Magdalena von der ursprünglichen festen Anlaufstelle zu einer mobilen und aufsuchenden Fachberatungsstelle entwickelt hat.
Historische Hurenbewegung: Selbstbestimmung und Regulierung
Einen historischen Blick auf Sexarbeit und Selbstorganisation eröffnete Giovanna Gilges von der Hochschule Merseburg, Fachbereich Angewandte Sexualwissenschaft. In ihrem Beitrag widmete sie sich der historischen Hurenbewegung und dem Spannungsfeld zwischen Selbstbestimmung und gesetzlicher Regulierung.
Dabei wurde deutlich, dass aktuelle Diskussionen über Sexarbeit nicht losgelöst von ihrer Geschichte betrachtet werden können. Sie stehen in einer langen Tradition von Selbstorganisation, politischen Auseinandersetzungen, Forderungen nach Rechten und Anerkennung, aber auch von Kontrolle, Stigmatisierung und staatlicher Regulierung.
Der historische Blick machte damit zugleich sichtbar, wie wichtig es ist, die Stimmen und Perspektiven von Sexarbeiter*innen selbst in gegenwärtigen Diskussionen ernst zu nehmen.
Das Sexarbeitsgesetz und seine Auswirkungen
Im Anschluss standen die gesetzlichen Rahmenbedingungen und ihre Auswirkungen auf den Alltag von Sexarbeiter*innen im Mittelpunkt. Dennis Hermann von SMART Berlin und Cassidy von der Sex Worker Action Group gaben Einblicke in die Entstehungsgeschichte und die Inhalte des Sexarbeitsgesetzes. Dabei wurden unterschiedliche Perspektiven auf gesetzliche Regulierung und auf deren konkrete Auswirkungen auf Lebens- und Arbeitsrealitäten sichtbar.
Der Beitrag bot damit wichtige Anknüpfungspunkte für die anschließende Diskussion.
Qualitätsstandards in der Fachberatung
Einen weiteren fachlichen Schwerpunkt bildete die Vorstellung der Studie „Qualitätsstandards und Empfehlungen für Fachberatungsstellen für Menschen in der Sexarbeit / Prostitution“.
Susanne Kock, Vorständin der Bundeskoordination der Fachberatungsstellen für Sexarbeiter*innen (bufas e. V.), Geschäftsführerin von VRESA e. V. und Doktorandin an der Universität Münster, stellte zentrale Inhalte und Empfehlungen der Studie vor.
Ihr Beitrag gab wichtige Impulse für die Frage, welche fachlichen Standards und Rahmenbedingungen notwendig sind, um eine qualitativ hochwertige, verlässliche, niedrigschwellige und bedarfsgerechte Beratung von Sexarbeiter*innen sicherzustellen.
Denn gute Fachberatung braucht nicht nur engagierte Mitarbeiter*innen. Sie braucht ebenso verlässliche Strukturen, fachliche Standards, ausreichende Ressourcen und eine Haltung, die die Selbstbestimmung und die individuellen Lebensentwürfe der Ratsuchenden respektiert.
Neben den fachlichen Inputs war vor allem der gemeinsame Austausch ein zentraler Bestandteil des Dialogforums.
Die unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven der Teilnehmenden eröffneten den Raum, Fragen zu diskutieren, Erfahrungen zu teilen und miteinander über zukünftige Herausforderungen ins Gespräch zu kommen.
Dabei wurde deutlich, wie wichtig eine kontinuierliche Vernetzung zwischen Sexarbeiterinnen, Fachberatungsstellen, Selbstvertretungen, Behörden, Politik, Gleichstellungsarbeit und weiteren Akteurinnen ist.
Gerade die vergangenen zehn Jahre haben gezeigt, dass sich die Lebens- und Arbeitsbedingungen in der Sexarbeit verändern und damit auch die Anforderungen an Beratung und Unterstützung. Eine bedarfsgerechte Beratung muss deshalb aufmerksam bleiben, Entwicklungen wahrnehmen und sich gemeinsam mit den Menschen, die sie erreicht, weiterentwickeln.
Zehn Jahre Magdalena – und der Blick nach vorn
Ein Rückblick auf zehn Jahre Beratungsstelle Magdalena zeigt vor allem eines: Die Beratungsstelle hat sich gemeinsam mit den Menschen und ihren Lebensrealitäten entwickelt.
Vom Café in der Friesenstraße in Magdeburg hin zu einer mobilen und aufsuchenden Beratungsstelle, die Sexarbeiter*innen in verschiedenen Regionen Sachsen-Anhalts erreicht. Von einer ersten Anlaufstelle hin zu einem vielfältig vernetzten Fachangebot.
Dabei ist eines gleich geblieben: der Anspruch, Sexarbeiter*innen unabhängig, vertraulich, niedrigschwellig, wertschätzend und auf Augenhöhe zu beraten und zu unterstützen.
Das Dialogforum hat diesen Weg noch einmal sichtbar gemacht. Es hat Raum geschaffen, um zurückzublicken, Erfahrungen miteinander zu teilen, voneinander zu lernen, aktuelle Fragen zu diskutieren und gemeinsam Perspektiven für die Zukunft zu entwickeln.
Zehn Jahre Magdalena bedeuten zehn Jahre Zuhören, Begleiten, Beraten, Vernetzen, Lernen und Weiterentwickeln.
Wir bedanken uns herzlich bei unseren Referent*innen Giovanna Gilges, Dennis Hermann, Cassidy und Susanne Kock sowie bei Steffi Schünemann für ihre fachlichen Beiträge, persönlichen Einblicke, die wertvollen Impulse und den gemeinsamen Austausch. Unser Dank gilt ebenso allen Kooperationspartner*innen, Unterstützer*innen und Teilnehmenden, die das Dialogforum mit ihrem Wissen, ihren Erfahrungen und ihren Perspektiven bereichert haben.
Ein besonderer Dank gilt allen Sexarbeiter*innen, die der Beratungsstelle in den vergangenen zehn Jahren ihr Vertrauen entgegengebracht haben. Ihre Erfahrungen, ihre Fragen, ihre Kritik und ihre Rückmeldungen haben die Arbeit von Magdalena geprägt und immer wieder weiterentwickelt.
Zehn Jahre Beratungsstelle Magdalena – zehn Jahre Beratung, Begleitung, Vernetzung und Engagement
Wir blicken dankbar auf die vergangenen zehn Jahre zurück und zugleich zuversichtlich nach vorn.
Auch in Zukunft wird es darum gehen, die Veränderungen in der Sexarbeit wahrzunehmen, neue Bedarfe frühzeitig zu erkennen, Barrieren abzubauen und gemeinsam mit Sexarbeiter*innen zugängliche und bedarfsgerechte Unterstützungsangebote weiterzuentwickeln.
Und vielleicht beschreibt ein Satz den Weg der vergangenen zehn Jahre besonders gut:
Von der Friesenstraße in Magdeburg hinaus in ganz Sachsen-Anhalt…