Ehrenamt ist gelebte Demokratie

, Tangermünde

Das Ehrenamt ist ein Kernbestandteil unserer demokratischen Gesellschaft. Begegnungsstätten der AWO sind dabei wichtige Orte. Das Beispiel von Christine Pfaff aus der AWO-Begegnungsstätte in Tangermünde zeigt, wie viel ein einzelner Mensch bewegen kann.

Das Ehrenamt ist weit mehr als eine wertvolle Unterstützung im Alltag – es ist ein Kernbestandteil unserer demokratischen Gesellschaft. In Sachsen-Anhalt engagieren sich rund 800.000 Menschen freiwillig, und jeder einzelne Einsatz schafft etwas, das man nicht verordnen kann: Vertrauen, Zusammenhalt und das Gefühl, füreinander Verantwortung zu übernehmen.

Gerade in ländlichen Regionen unseres Landes, wo soziale Angebote oft dünn gesät sind, tragen Ehrenamtliche entscheidend dazu bei, dass Menschen Anschluss finden, sich beteiligen und ihre Stimme erheben können. Dafür stehen wir als AWO ein. Sowohl am Internationalen Tag des Ehrenamts am 5. Dezember als auch an allen anderen Tagen.

27 Millionen Menschen engagieren sich in Deutschland ehrenamtlich, fast 37 Prozent. Das haben die zentralen Ergebnisse des 6. Deutschen Freiwilligensurveys ergeben. In Sachsen-Anhalt sind es 30,9 Prozent der Bevölkerung (Stand 2024). Das ist die niedrigste Quote von allen 16 Bundesländern. Vor fünf Jahren waren es in Sachsen-Anhalt noch 37,7 Prozent. Der Trend ist überall rückläufig, in Sachsen-Anhalt aber besonders stark.

Das Ehrenamt steht unter Druck. Bürokratie, knappe Finanzierung, fehlende Unterstützung und der Rückgang langfristiger Engagements erschweren die Arbeit vieler Freiwilliger. Es braucht weniger Hürden, mehr Anerkennung, verlässliche Förderung und Orte, an denen Engagement überhaupt erst möglich wird.

Begegnungsstätten der AWO sind dabei wichtige Orte: Hier kommen unterschiedliche Generationen, Lebenswelten und Meinungen zusammen. Hier erleben Menschen, dass sie etwas bewirken können – und das stärkt nicht nur das soziale, sondern auch das demokratische Miteinander.

 

Christine Pfaff – Ehrenamtliche der AWO Begegnungsstätte Tangermünde

Das Beispiel von Christine Pfaff aus der AWO-Begegnungsstätte in Tangermünde zeigt, wie viel ein einzelner Mensch bewegen kann. Ihr Einsatz schafft nicht nur Gemeinschaft – er öffnet Türen, baut Vorurteile ab, macht Dialog möglich. Genau diese Begegnungen sind es, die demokratische Kultur im Alltag lebendig halten.

Ehrenamt ist gelebte Demokratie. Und eine Demokratie funktioniert nur dann gut, wenn Menschen sich einbringen können, ernst genommen werden und Räume haben, in denen sie miteinander in Kontakt kommen. Die AWO setzt sich dafür ein, diese Räume zu schützen und zu stärken – für ein solidarisches, offenes und demokratisches Sachsen-Anhalt.

Portrait

Duftender Kaffee weht durch die Räume, in denen es bei offenen Türen in diesen Nachmittagsstunden wuselig ist. Es holpert und klirrt. Tische, Stühle, Tassen, Teller und Besteck: In Windeseile wird alles so platziert, dass die Gäste sich wohlfühlen. Es wird ein bisschen lauter, es wird gelacht. Und am Ende ist alles perfekt vorbereitet. Die Frauen wissen, was zu tun ist. Das Verständnis ist blind. Ohne viele Worte geht eine Aufgabe in die nächste über. Noch Kaffee? Was können wir noch tun? Die Selbstverständlichkeit in der AWO Begegnungsstätte in Tangermünde ist bezeichnend. Und mittendrin wuselt Christine Pfaff in ihrem Ehrenamt. So wie es jede Woche tut. Und das seit 35 Jahren.

Die 74-Jährige ist eine von zehn guten Seelen (alles Frauen), die immer von Montag bis Donnerstag von 13 bis 17 Uhr die Türen in der Hünerdorfer Straße 105 in Tangermünde offen halten. Seit nun mehr als zehn Jahren befindet sich hier die AWO Begegnungsstätte. „Die einzige in Tangermünde“, wie Pfaff betont.

Töpfern, Malen, Nähen, Stricken, Basteln, Karten spielen (Rommé und Phase 10) und dabei auch Kaffee trinken: Die Begegnungsstätte ist für 50 Menschen in der Woche ein Anker im Alltag. Und keine der zehn Frauen bekommt für ihr Engagement auch nur einen Cent. Aber dafür macht es ja auch keine der Frauen. „Es ist gut für die Seele“, sagt Pfaff. Dankbarkeit ist ein guter Lohn. „Ich helfe gerne anderen Menschen. Es hält jung und aktiv. Man geht am Abend mit einem Gefühl nach Hause, heute wieder etwas Gutes getan zu haben“, so Pfaff in ihrem altruistischen Engagement, das selbstverständlich sein müsste, aber nicht ist. 27 Millionen Menschen engagieren sich in Deutschland ehrenamtlich, fast 37 Prozent. Das haben die zentralen Ergebnisse des 6. Deutschen Freiwilligensurveys ergeben. In Sachsen-Anhalt sind es 30,9 Prozent der Bevölkerung (Stand 2024). Das ist die niedrigste Quote von allen 16 Bundesländern. Vor fünf Jahren waren es in Sachsen-Anhalt noch 37,7 Prozent. Der Trend ist überall rückläufig, in Sachsen-Anhalt aber besonders stark. „Ohne Ehrenamt würde der Staat zusammenbrechen“, meint Pfaff.

Dabei kann Ehrenamt Spaß machen, erfüllend sein. „Es ist leicht, sich dafür zu motivieren“, sagt Pfaff. Auch, weil die Absprachen funktionieren. „Wir sind ein richtig tolles Team“, so Pfaff. Die Besucher*innen sind in der Regel zwischen 55 und 85, während der Ferien gibt es in der AWO Begegnungsstätte aber auch Kurse für Hortkinder aus den Grundschulen. Es kommen also Alt und Jung zusammen. Die Möbel kommen auch aus Spenden. Die Küche hatte Pfaff einst selbst gesponsort, als bei ihr zuhause umgebaut wurde.

Fünf bis sechsmal war die Begegnungsstätte seit ihrer Gründung 1990 umgezogen. Am jetzigen Standort fühlen sich die Frauen wohl. Ruhiges Fahrwasser herrscht dank der soliden Finanzierung durch AWO Kreisverband, Stadt Tangermünde, Spenden und Fördergelder. „Unsere Arbeit wird sehr hoch anerkannt von Kreisverband und Landesverband“, so Pfaff. Die zehn Frauen können sich auf das konzentrieren, was wichtig ist: Ein ehrenamtliches Angebot, das die Hände und den Geist verbindet, einsamen Menschen Halt gibt und glücklich macht. Weil die Gemeinschaft alles ist, was zählt.

Die AWO Frauen gehen aber auch auf Stadt- und Kinderfeste. Sie backen, sind präsent und bekannt in Tangermünde. Finanziell schwierig war es für die Begegnungsstätte zwischen 2000 und 2010. In letzter Zeit stellen auch politische Kräfte die Begegnungsstätte in Frage. Und doch funktioniert das Miteinander. Seit der Corona-Zeit gab es auch einen Generationenwechsel. Bei den betreuenden Frauen ist Christine Pfaff mit 74 nun eine der Ältesten.

Dabei hat Pfaff noch ein anderes Ehrenamt, das die meiste Zeit beansprucht: Sie ist SPD-Fraktionsvorsitzende im Stadtrat in Tangermünde, seitdem sie 2014 erstmals ins städtische Gremium eingezogen ist. 30 Stunden pro Woche steckt Pfaff in die Politik. SPD-Mitglied ist sie seit dem 4. Januar 1990. „Ich habe große Achtung vor Willy Brandt und Helmut Schmidt“, erklärt Pfaff. In der heutigen Ellbogengesellschaft ist die SPD noch immer ihre Partei. „Die Partei für den Bürger“, so Pfaff. Keinen Tag habe sie es bereut, in diese Partei eingetreten zu sein. „Ich war immer sozial eingestellt.“ Und daneben ist Pfaff ja auch im Gründungsverein der Stadtstiftung sowie im Verein „Historic Mobil“ aktiv. Der Tag hat bei Christine Pfaff viel zu wenig Stunden.

Zu DDR-Zeiten waren Familienmitglieder und Bekannte von Pfaff mit dem Staat aneinandergeraten. Natürlich war Pfaff mit ihrem Mann im Herbst 1989 auf Demos in Stendal. Der Fall der Mauer war dann eine Erlösung. Nach der politischen Wende lernte die gelernte Tiefbauzeichnerin um zur Finanzkauffrau. 1991 kam sie zur Stadt Tangermünde, um als ABM andere ABM-Beschäftigte anzulernen. „Das war ein Glückstreffer hoch 10“, sagt Pfaff. Sie blieb bei der Stadt und arbeitete seit 1997 bis zum Ruhestand 2011 im Denkmalschutz. „Das was das Schönste, was ich beruflich erleben durfte.“

Privat gab es auch schlechte Zeiten, die Pfaff privat halten will. Zeiten, in denen sie ihr Ehrenamt fast aufgegeben hätte. Aber es waren dann auch Sohn und Tochter, die ihre Mutti überzeugten, sich weiter zu engagieren. Die fünffache Oma: „Schlechte Zeiten haben mich geformt und stärker gemacht. Für mich ist das Glas immer halbvoll, ich bin nie negativ. Ich bin ein glücklicher Mensch mit einer ganz tollen Familie“, erzählt Pfaff. Einsamkeit? Kennt sie nicht. Sie hat viele Kontakte und macht weiter.

In der Politik will sie noch bis zur nächsten Kommunalwahl 2029 aktiv bleiben. Und wie lange wird sie ihr Engagement bei der AWO noch ausüben? Gesundheitlich ist alles gut, das Ehrenamt hält fit. „So lange, wie ich laufen kann“, sagt Pfaff und lacht dabei.

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