Rikscha, Respekt und Erinnerung – Eine sommerliche Ehrenrunde für Wally Schulz
Mit einer Rikscha durch die Stadt – was für viele nach Sommerurlaub klingt, war für Wally Schulz eine besondere Reise in die Vergangenheit. Über 90 Jahre alt und jahrzehntelang engagiert in der Erinnerungsarbeit, wurde sie am Montag, den 4. August 2025, auf eine dreistündige Ehrenrunde durch Gardelegen eingeladen. Organisiert wurde die Fahrt in seiner Freizeit vom Leiter der "AWO-Arbeitsgemeinschaft MeGa – Mauern einreißen, Grenzen abbauen – Hötensleben" als Zeichen des Dankes für das unermüdliche Wirken seiner Schwiegeroma.
Erste Station der Ausfahrt mit der Rikscha „Kranich“, die sonst in Hötensleben im Einsatz ist, war die Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe. Dort wurde Frau Schulz von Gedenkstättenleiter Stefan Winzer persönlich begrüßt. In einem bewegenden Moment legte sie am Gedenkstein Blumen nieder – und gedachte der Opfer der NS-Diktatur, denen sie bis heute mit Respekt und Klarheit begegnet. Ihre eigene Lebensgeschichte macht das Gedenken besonders eindringlich: Als Kind musste sie mit ihrer Familie aus Ostpreußen fliehen.
Die Fahrt führte weiter zur Nikolaikirche, zu mehreren Stolpersteinen in der Innenstadt, zum Ehepaar Bernstein – und zu einem Pistazieneis vor dem Rathaus. Zum Abschluss besuchte Frau Schulz ihre ehemalige Arbeitsstätte, die Tourist-Information. Dort wurde sie von Monika Gille herzlich empfangen, die ihr persönlich den aktuellen Gardelegen-Kalender überreichte und sich für viele Jahre bürgerschaftlichen Engagements bedankte.
Viele der besuchten Orte – vom neuen Gedenkstättengebäude bis zur heutigen Tourist-Info in der alten Apotheke – wären ohne Wally Schulz' Einfluss nicht denkbar. Mit der Ausfahrt sollten sie ihr noch einmal nahegebracht werden – nicht nur als Erinnerungsreise, sondern als Zeichen, dass Engagement nicht vergessen wird.
Der Leiter der AWO AG MeGa organisiert regelmäßig Stolpersteinverlegungen im Landkreis Börde und in der angrenzenden Grenzregion im Landkreis Helmstedt. Eine engere Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Isenschnibbe ist geplant – getragen von dem gemeinsamen Anliegen, Erinnerungskultur lebendig zu halten.
Auch in ihrem hohen Alter ist Wally Schulz politisch wach und klar in ihren Worten: Sie äußerte die Hoffnung, dass rechtsextreme Parteien in Deutschland keinen weiteren Zulauf erhalten. „Ich wünsche mir, dass sich Geschichte nicht wiederholt“, sagte sie.
Die Ausfahrt ist Teil der „AWO Wunschakademie“, einem Projekt der AWO Ehrenamtsakademie des AWO Landesverbandes Sachsen-Anhalt e.V.. Die Wunschakademie ermöglicht es Menschen, Rikschas an verschiedenen Standorten in Sachsen-Anhalt kostenfrei auszuleihen, um Angehörigen und Freund*innen besondere Momente zu schenken. Gerade in der Ferien- und Urlaubszeit lassen sich so unkompliziert Begegnungen und Dank realisieren.
„Wer sich früher engagiert hat, verdient es im besonderen Maße, im Alter gewürdigt zu werden. Und wer sich heute Zeit für seine Liebsten nimmt, schenkt nicht nur dem Einzelnen Aufmerksamkeit – sondern auch der Gemeinschaft Nähe, Erinnerung und Respekt.“
– Ruben Herm, Leiter der AG MeGa