Euthanasie und Eugnenik - Gedenken an die Opfer der NS-Psychiatrie

Die AWO ist Trägerin verschiedener Einrichtungen, deren Geschichte zumeist weit in die Vergangenheit zurück reicht. Das AWO Fachkrankenhaus Jerichow im nördlichen Sachsen-Anhalt ist eine dieser Einrichtungen, welche zur Zeit des Nationalsozialismus in das Euthanasieprogramm „T4“ eingebunden war. Unter Federführung des Sachgebiets "Demokratie und Toleranz" des AWO Landesverbandes bildete sich eine Arbeitsgruppe, um gemeinsam dieser Vergangenheit nachzugehen. Aus der Zusammenarbeit mit Fach- und Pflegepersonal entwickelte sich ein Ausstellungsprojekt, dem sich bald darauf ein Gedenksteinensemble für die Opfer der Aktion „T4“ auf dem Gelände des Krankenhauses anschloss. Beide Vorhaben wurden dabei stufenweise ab 2009 bis Ende 2012 umgesetzt. Die Ausstellung und das Gedenksteinensemble werden seit Bestehen von Gästen, Patient*innen, Mitarbeiter*innen und Schulen gern besucht und sind alljährlicher Gedenkort für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar.

Die Ausstellung: Das AWO Fachkrankenhaus Jerichow in der Zeit des Nationalsozialismus

Gäste besichtigen anlässlich der Eröffnung die Ausstellung im AWO Fachkrankenhaus
Eröffnung der Ausstellung am 21.10.2009

Im Januar 2009 kam erstmals eine Arbeitsgruppe im AWO Fachkrankenhaus Jerichow zusammen, um die Geschichte und Hintergründe zur sogenannten Aktion "T4" der einstigen Landesheilanstalt in Form einer Ausstellung näher zu untersuchen. Die Arbeitsgruppe bestand aus angehenden Historiker*innen und Mitarbeiter*innen des Krankenhauses. Mit Unterstützung der Gedenkstätte für die Opfer der NS-"Euthanasie" in Bernburg, dem Historiker Dr. Dietmar Schulze und der vieler weiterer Partner, konnten Archive gesichtet, Biografien zu Tätern und Opfern recherchiert sowie bestehende Bestände des Krankenhausarchivs neu eingeordnet werden.

Mit Hilfe der Ausstellung, die bis heute im AWO Fachkrankenhaus Jerichow zu besichtigen ist, soll an die historische und gesellschaftliche Verantwortung pflegerischer und medizinischer Berufe erinnert werden. Im Namen der "Volksgemeinschaft" wurden aufgrund des "Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" über 400.000 Menschen zwangssterilisiert und 70.000 Menschen im Rahmen der Aktion "T4" systematisch ermordet. Opfer waren u. a. Schizophrene, Menschen mit erblicher Fallsucht, Blindheit, Taubheit und "schwerem" Alkoholismus.

Die Ausstellung ist zugleich ein Ort des Gedenkens und Erinnerns an die Geschichte der Opfer dieser Zeit und verdeutlicht, wie bedeutsam und wichtig das Eintreten für Demokratie und Menschenrechte in unserer heutigen Gesellschaft ist. Den 930 Frauen und Männern, die von Jerichow zu den NS-Tötungsanstalten Brandenburg und Bernburg verschleppt und ermordet wurden, soll an dieser Stelle in ehrwürdiger Weise gedacht werden!

Der Gedenkstein: Würdiges Gedenken - Opfer und Hinterbliebene rehabilitieren

Im Oktober 2009 ist die Ausstellung „Euthanasie und Eugenik – Das AWO Fachkrankenhaus Jerichow in der Zeit des Nationalsozialismus“ eröffnet worden. Die Ausstellung fand große Resonanz. Schon bald gab es Überlegungen, auch einen Gedenkstein für die Opfer aufzustellen. So rief die AWO Sachsen-Anhalt im Frühjahr 2011 in ihren Einrichtungen der Psychiatrie und Behindertenhilfe einen künstlerischen Gestaltungswettbewerb für das Denkmal aus. Über 70 Frauen und Männer, die seelisch, körperlich oder geistig beeinträchtigt sind, beteiligten sich daran. Der Siegerbeitrag wurde umgesetzt.

Am 27. Januar 2012, dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, wurde der Gedenkstein feierlich eingeweiht. Seither wird nun an diesem bundesweiten Gedenktag alljährlich den 930 Opfern gedacht, die aufgrund der NS-"Euthanasie" ums Leben kamen.

Gedenktafel für den Tuchfabrikanten Johann Christoph Nicolai

Enthüllung der Gedenktafel für den Tuchfabrikanten Johann Christoph Nicolai
Hr. Schwachenwalde (Heimatverein), Hr. Bartelheimer (Projektleiter), Hr. Schuth (AWO Landesgeschäftsführer) und Fr. Lang (Leiterin der Wohnanlage) enthüllen die Gedenktafel

In der AWO Wohnanlage am Saalebogen wird seit Mittwoch (14. Mai 2014) mit einer Gedenktafel an die Geschichte der Wolldeckenfabrik in Calbe/Saale und der Familie des Tuchfabrikanten Johann Christoph Nicolai erinnert. Über 200 Jahre hatte die Familie einen förderlichen Einfluss auf die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung Calbes. Die Gedenktafel wurde durch den Historiker Arne Lietz gestiftet und entstand mit tatkräftiger Unterstützung des Heimatvereins Calbe/Saale.

Der Geschäftsführer des AWO Landesverbandes Sachsen-Anhalt e.V., Wolfgang Schuth, sagte bei der Einweihung der Tafel, das Wachhalten und Gedenken demokratischer Traditionen und Geschichte sei ein besonderes Anliegen der AWO. Begründet liege dies auch in der eigenen Historie des Verbandes, der stets für eine soziale und gerechte Gesellschaft unter demokratischen Vorzeichen eintrat und dies auch heute praktiziert. Aufgrund dieser Haltung wurde die AWO von autoritären oder totalitären Systemen fortwährend abgelehnt und ihre Anhänger und Sympathi-santen verfolgt. Adolf Nicolai habe als Unternehmer und Architekt die ehemalige Wolldeckenfabrik entworfen und sei Mitte des 19. Jahrhunderts als bekennender Demokrat in Calbe aktiv gewesen. Aus diesem Grund sei es für die AWO eine besondere Angelegenheit, an das politische aber auch wohlfahrtsorientierte Wirken dieser Fabrikantenfamilie zu erinnern.